Mit 2 Familien leben
G. Enamaria Weber-Boch

1. Kinder sind Symptomträger

Die Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten und Störungen bei Kindern und Jugendlichen sind in erster Linie in deren Lebensumfeld zu finden. Zum Lebensumfeld gehören zuerst das Familiensystem, weiterhin andere soziale Einflussfaktoren, die auf die jungen Menschen einwirken. Kinder und Jugendliche sind meist die Symptomträger ihrer biologischen Familie.

 

2. Getrennt und doch gebunden
Fremd untergebrachte Kinder werden zwar in einem sozialen Bezugssystem sozialisiert, doch in ihrer Seele wirkt die Geschichte der Herkunftsfamilie weiter. Aus diesem Grund müssen die leiblichen Eltern geachtet werden, denn in der Seele des Kindes haben sie Vorrang. Durch die Achtung der leiblichen Eltern entsteht im Herkunftssystem Zustimmung zur Fremderziehung. Diese innere Zustimmung ist eine Voraussetzung, damit fremd untergebrachte Kinder von den sozialen Bezugspersonen das nehmen, was ihnen die leiblichen Eltern nicht geben können.

 

3. Beziehung und Schutz für das Kind im familiären Kontext
Im Kontext der sozialen Familie erhalten fremd untergebrachte Kinder vor allem Halt gebende und schützende Lebensbedingungen, die es ihnen ermöglichen Beziehungen aufzubauen, sozial zu lernen und alte Erfahrungen zu korrigieren. Jedes Kind sollte sich nach seinem individuellen Tempo entwickeln und seine Kräfte entfalten dürfen. Falls erforderlich, sollte die sozialpädagogische Arbeit durch externe therapeutische Hilfen für das Kind bzw. den Jugendlichen ergänzt werden.

 

4. Elternberatung - Eltern stärken und Kinder entlasten
Die sozialpädagogische oder therapeutische Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen führt dann zu befriedigenden Ergebnissen, wenn deren Eltern im Rahmen ihrer Möglichkeiten verantwortungsvoll und angemessen in den Prozess der Fremderziehung eingebunden werden. Eltern werden ressourcenorientiert beraten und begleitet. Beim fremd untergebrachten Kind entsteht dann Entlastung, wenn Eltern ihre Kompetenzen erweitern.

 

5. Helfen in Balance
Die sozialen Eltern bzw. die sozialen Bezugspersonen des Kindes sind vielfältig eingebunden und unterstützt. Sowohl durch regelmäßige, individuelle Erziehungsplanungen und Teambesprechungen, als auch durch die Unterstützung und Beratung pädagogischer Leitungen. Sie arbeiten unter externer Supervision, um den schwierigen Prozess zwischen Distanz und Nähe professionell handhaben zu können. Der Fremderziehungsprozess wird von einer achtenden Haltung getragen. Wertschätzung, Neutralität, Selbstreflektion und Biographiearbeit seitens der sozialen Bezugssysteme und ihrer Berater sind Bestandteil einer achtenden Haltung.

 

6. Systempädagogische Diagnostik – Erkennen, was in der Tiefe wirkt
In der diagnostischen Arbeit erhalten die jungen Menschen einen neutralen Raum, sich Personen anzuvertrauen, die nicht am alltäglichen Prozess ihrer Fremderziehung beteiligt sind. Dadurch haben sie eine weitere Möglichkeit, ihrer Not und ihren Sorgen eine Stimme zu verleihen. Fragen wie: Was wirkt in der Tiefe der Familienseele, aus der die Kinder kommen? Welche der Bindungen und Loyalitäten der Kinder müssen anerkannt werden? Welche Haltungen der Erwachsenen wirken heilend und dienen der Entwicklung der Kinder? stehen dabei im Mittelpunkt. Die Berücksichtigung einer weiteren fachlichen Perspektive im Fremderziehungsprozess ist ein Qualitätsmerkmal, das zielgerichtete Arbeitshypothesen ermöglicht.

 

7. Ferienseminare – sozialpädagogische Entlastung und weitere Chancen
In Ferienseminaren, die während der Schulferien stattfinden, erhalten die sozialpädagogischen Familien und die sozialen Bezugspersonen Entlastung. Die Betreuungsarbeit in den familiären Heimaußenstellen wird durch Ferienseminare unterstützt und ergänzt. Gerade durch Umfeldveränderung ist es möglich, den jungen Menschen weitere Chancen und Handlungsspielräume zu eröffnen.

 

8. Der Prozess der Fremderziehung
Das aufgenommene Kind wird so betreut und begleitet, dass es nach seinem individuellen Tempo erfährt und lernt, sich sowohl mit seiner biologischen Familie als auch mit seinem sozialen Bezugssystem zurecht zu finden. Es lernt mit zwei Familien zu leben. In diesem Kontext gibt es keine „besseren“ und keine „schlechteren“ Eltern. Das Wohl des Kindes steht bei diesem kunstvollen Prozess im Zentrum der Aufmerksamkeit. Er erlaubt Veränderung und persönliches Wachstum sowohl für das Kind als auch für seine Eltern.